Singapur gilt als eines der fortschrittlichsten Länder der Welt – wirtschaftlich, technologisch und mit Blick auf die öffentliche Verwaltung. Doch wie geht der Stadtstaat mit den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft um? Wie organisiert er soziale Sicherung und welche Rolle spielen Digitalisierung und KI? Im Rahmen des Austauschs in der Deutschen Botschaft erhielt die Delegation Einblicke in das singapurische Modell und diskutierte mögliche Impulse für Deutschland.
Demografie und Sozialmodell
Singapur steht vor erheblichen demografischen Schwierigkeiten. Die Geburtenrate liegt bei nur 0,87, knapp 20 Prozent der Bevölkerung sind älter als 65 Jahre. Der Stadtstaat begegnet dieser Entwicklung mit einem Mix aus Einwanderung, längerer Erwerbstätigkeit, Weiterbildung und Automatisierung.
Wichtige Ansätze:
- Weiterbeschäftigung im Alter: Die Regelaltersgrenze liegt bei 64 Jahren, die Wiederbeschäftigungsgrenze bei 69 Jahren. Arbeitgeber müssen geeigneten Beschäftigten grundsätzlich eine Weiterbeschäftigung bis zu diesem Alter anbieten.
- Weiterbildung: Umschulungen und lebenslanges Lernen sind zentrale Bestandteile der Arbeitsmarktpolitik. Nach Angaben des Arbeitsministeriums liegt die Vermittlungsquote umgeschulter Beschäftigter bei 98 Prozent.
- Individuelle Vorsorge: Mit dem Central Provident Fund (CPF) setzt Singapur auf verpflichtendes individuelles Sparen. Die angesparten Mittel können unter bestimmten Voraussetzungen auch für Wohneigentum und Gesundheit eingesetzt werden.
- Gesundheitsversorgung: Private Anbieter spielen eine zentrale Rolle. Staatliche Programme ergänzen die Absicherung bei hohen Gesundheitskosten.
Digitalisierung und KI: Nutzen vor Regulierung
Singapur verfolgt einen pragmatischen Ansatz bei der Digitalisierung. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie neue Technologien konkret zur Produktivitätssteigerung und zur Entlastung der Verwaltung beitragen können.
- KI-Einsatz: Künstliche Intelligenz soll dazu beitragen, dem Fachkräftemangel zu begegnen und Verwaltungsprozesse effizienter zu gestalten.
- Gemeinsame Plattformen: Behörden nutzen zentrale technische Infrastrukturen, die sie für ihre jeweiligen Aufgaben anpassen.
- Automatisierung: Der geplante vollautomatisierte Hafen zeigt, wie Technologie zur Bewältigung des Arbeitskräftemangels und zur Entlastung bei körperlich belastenden Tätigkeiten eingesetzt werden kann.
Staatliche Steuerung und Umsetzung
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor Singapurs ist die langfristige und konsequente staatliche Planung. Strategische Ziele werden in mehrjährigen Planungszyklen definiert und in konkrete Maßnahmen übersetzt.
- Klare Zielbilder: Fünfjahrespläne geben die strategische Richtung vor.
- Konsequente Umsetzung: Zuständige Behörden überführen die Vorgaben in praktische Maßnahmen.
- Fachkräftegewinnung: Gezielte Förderung und attraktive Bedingungen unterstützen die Rekrutierung qualifizierter Beschäftigter für den öffentlichen Dienst.
Gesellschaftliche Grenzen des Modells
Trotz seiner wirtschaftlichen und technologischen Leistungsfähigkeit hat Singapurs Modell auch Schattenseiten:
- Hoher Bildungs- und Leistungsdruck, insbesondere bei jungen Menschen.
- Stärkere individuelle Verantwortung bei der sozialen Absicherung.
- Fehlende Überbrückungsleistungen für Menschen, die trotz Umschulung keine neue Beschäftigung finden.
- Wachsende Herausforderungen durch Alterung und Fachkräftemangel.
Was die Sozialversicherung mitnehmen kann
Aus dem Austausch in der Botschaft ergeben sich fünf zentrale Impulse:
- Strategische Planung: Langfristige Ziele definieren und konsequent umsetzen.
- Digitalisierung: KI und gemeinsame Plattformen stärker für konkrete Verbesserungen in der Verwaltung nutzen.
- Demografie: Weiterbildung, längere Erwerbstätigkeit und Automatisierung zusammendenken.
- Verwaltungsmodernisierung: Insellösungen reduzieren und gemeinsame digitale Infrastrukturen stärken.
- Soziale Sicherung: Internationale Ansätze kritisch prüfen und ihre Übertragbarkeit auf das deutsche Sozialmodell bewerten.