Digitalisierung und künstliche Intelligenz verändern die juristische Arbeit bereits heute. Doch technologische Möglichkeiten führen nicht automatisch zu besseren Verfahren oder einer spürbaren Entlastung. Entscheidend ist, ob Systeme im Arbeitsalltag stabil funktionieren, Prozesse durchgängig gestaltet sind und die eingesetzten Lösungen den Anforderungen an Qualität, Vertraulichkeit und Verantwortung gerecht werden.
Der Digital Justice Monitor 2026/27 betrachtet diese Entwicklung aus mehreren Perspektiven. Befragt wurden Beschäftigte der Justiz, Unternehmen und Unternehmensrechtsabteilungen sowie Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte. Die vierte Perspektive – Legal Tech, Justiz-IT, öffentliche IT-Dienstleister und Rechenzentren – wird derzeit erhoben und später in die Gesamtstudie einbezogen. Ziel ist es, interne Bedarfe der Justiz, externe Erwartungen der Rechtsanwender und die tatsächliche Lösungsfähigkeit des Technologiemarkts miteinander zu verbinden.
Für die vorläufige Auswertung liegen zum Datenstand 26. Oktober 2026 mehr als 1.250 formal abgeschlossene Fragebögen aus den ersten drei Befragtengruppen vor.
Die Justiz verlangt zuerst funktionierende Grundlagen
Die Ergebnisse aus der Justiz zeigen ein klares Bild: 85 Prozent der Befragten nennen stabilere und nutzerfreundlichere IT-Systeme als eine der wichtigsten Verbesserungen für ihren Arbeitsalltag. 61 Prozent fordern ein medienbruchfreies Zusammenspiel von E-Akte und Fachverfahren.
Damit richtet sich der Bedarf weniger auf zusätzliche Einzelanwendungen als auf Verfügbarkeit, Integration und Alltagstauglichkeit. Zugleich werden Fachkräftemangel, unzureichende IT-Infrastruktur und begrenzte finanzielle Ressourcen als zentrale Risiken für die künftige Leistungsfähigkeit bewertet.
Auch KI schafft bereits konkrete Zeitgewinne. Unter den Befragten mit KI-Bezug berichten 61 Prozent, dass sie durch entsprechende Anwendungen Zeit sparen. Eine spürbare Entlastung des gesamten Arbeitsalltags erleben bislang jedoch nur 34 Prozent. Der Abstand zeigt: Punktuelle Produktivität ist noch nicht mit organisatorischer Wirkung gleichzusetzen.
Die Wirtschaft misst Justiz an Tempo und Planbarkeit
Unternehmen beurteilen die Justiz vor allem danach, ob Streitigkeiten schnell, kalkulierbar und mit ausreichendem Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge bearbeitet werden.
Unter den Befragten mit eigener Erfahrung staatlicher Gerichtsverfahren bewerten rund 80 Prozent die Verfahrensgeschwindigkeit negativ. Die juristische Qualität und Nachvollziehbarkeit gerichtlicher Entscheidungen wird dagegen deutlich differenzierter und häufiger positiv als negativ beurteilt.
Die Befragung deutet zugleich darauf hin, dass sinkende Eingangszahlen bei staatlichen Zivilgerichten nicht mit weniger wirtschaftlichen Konflikten gleichgesetzt werden können. Nur etwa zehn Prozent der beurteilenden Unternehmen berichten von rückläufigen Streitigkeiten. Auseinandersetzungen werden häufiger direkt verhandelt, über andere Verfahren bearbeitet oder nicht weiterverfolgt.
Ein eigener Teil der Untersuchung befasst sich mit Schiedsverfahren, Commercial Courts und Kammern für Handelssachen. Unter den Befragten mit Schiedsverfahrenserfahrung bewerten jeweils rund 69 Prozent den wirtschaftlichen beziehungsweise kaufmännischen Sachverstand positiv. Zugleich beurteilen 55 Prozent die Kosten negativ. Das Ergebnis spricht nicht für einen einfachen Ersatz staatlicher Gerichte, sondern für ein differenziertes System der Streitbeilegung, in dem Tempo, Spezialisierung, Vertraulichkeit, Rechtsmittel und Kosten unterschiedlich gewichtet werden.
Die Anwaltschaft digitalisiert ihre Arbeit schneller als die Gerichtsschnittstelle
In den befragten Kanzleien ist KI bereits breit im Arbeitsalltag angekommen. 58 Prozent nutzen sie intensiv oder täglich, weitere 24 Prozent mehrmals pro Woche. Besonders häufig wird KI für juristische Recherche, Zusammenfassungen, Schriftsatzentwürfe sowie die Analyse von Akten und Dokumenten eingesetzt.
Mehr als die Hälfte der Befragten berichtet, dass KI den Aufwand innerhalb bestehender Mandate reduziert. Ein breiter Rückgang klassischer Mandate ist bislang jedoch nicht erkennbar. Die erste Veränderungswelle betrifft damit vor allem die Produktion juristischer Leistungen, Kompetenzprofile und Arbeitsabläufe.
Gleichzeitig erleben 75 Prozent derjenigen, die den Digitalisierungsstand der Gerichte beurteilen können, weiterhin überwiegend analoge, nur teilweise erneuerte oder medienbruchbehaftete Abläufe. Genannt werden insbesondere Verzögerungen, manuelle Übertragungen und zusätzlicher Abstimmungsaufwand.
Was muss die Technologiebranche jetzt liefern?
Die ersten Ergebnisse formulieren konkrete Prüfaufträge für Legal-Tech-Unternehmen, Justiz-IT und öffentliche IT-Dienstleister:
- Wie lassen sich stabile und nutzerfreundliche Systeme im dauerhaften Regelbetrieb gewährleisten?
- Welche Lösungen verbinden E-Akte, Fachverfahren und externe Kommunikation tatsächlich medienbruchfrei?
- Wie wird aus punktueller KI-Zeitersparnis eine messbare Entlastung ganzer Prozesse?
- Wie werden Quellen, Prüfwege und Verantwortlichkeiten nachvollziehbar dokumentiert?
- Welche Betriebsmodelle sichern Vertraulichkeit, Datenkontrolle und digitale Souveränität?
- Welche Angebote sind auch für kleinere Kanzleien und dezentrale Justizeinheiten tragfähig?
- Wo fehlen technische Lösungen – und wo liegt das Problem eher bei Governance, Beschaffung oder organisatorischer Umsetzung?
Die laufende Befragung der Technologiebranche soll zeigen, welche dieser Bedarfe bereits produktiv gelöst werden können, wo Skalierungshürden bestehen und welche Produkte oder Geschäftsmodelle weiterentwickelt werden müssen.
Webinar: Digital Justice Monitor 2026/27
Moderation
- Oliver Lorenz, Wegweiser Research & Strategy GmbH
Mitwirkende
- Franziska Mehlhase, Wegweiser Research & Strategy GmbH
- Brigitte Zypries, Bundesministerin a. D. und Kongresspräsidentin des Digital Justice Summit
- Matthias Bleidiesel, PwC Legal
- Dr. Christian Groß, Schiedsgerichtshof der DIHK
- Dr. Lasse Milinski, eagl lsp GmbH
- Sami Yacob, Verlag C.H.BECK
Im Anschluss an die Ergebnispräsentation werden die Befunde gemeinsam eingeordnet. Im Mittelpunkt stehen ihre Bedeutung für Politik, Justizpraxis, Wirtschaft, Anwaltschaft und Technologieanbieter sowie die Frage, welche konkreten Veränderungen nun erforderlich sind.
Das Webinar ist Teil der inhaltlichen Vorbereitung des 5. Digital Justice Summit am 23. und 24. November 2026 in Berlin. Die Ergebnisse werden dort weiter vertieft und später um die Perspektive der Technologiebranche ergänzt.
📅 13. November 2026
🕝 11:30–12:30 Uhr
Methodischer Hinweis
Die vorläufigen Ergebnisse beruhen auf dem Datenstand vom 26. Oktober 2026. Berücksichtigt wurden alle qualifizierten und qualitätsgeprüften Personen, die die jeweils ausgewertete Frage gültig beantwortet haben. Fehlende Angaben wurden nicht rechnerisch ergänzt.
Bei Mehrfachauswahlfragen beziehen sich die Prozentwerte auf den Anteil der antwortenden Personen, die eine Option gewählt haben. Die Summe kann daher 100 Prozent überschreiten. „Kann ich nicht beurteilen“ wurde als eigenständige Antwort erfasst und separat behandelt.
Die Prozentwerte sind zur besseren Lesbarkeit auf ganze Zahlen gerundet. Die Erhebung ist als umfangreiches Praxisbarometer und nicht als repräsentative Vollerhebung zu verstehen.
Das Webinar wird in Zusammenarbeit mit PwC Legal, dem Verlag C.H.BECK, dem Schiedsgerichtshof der DIHK, eagl lsp, govdigital und LexGraph durchgeführt. Die Verantwortung für Datenbereinigung, statistische Auswertung, Interpretation und redaktionelle Darstellung liegt bei Wegweiser Research & Strategy.